New York 2008 (14)
Dies ist Wettermäßig wahrscheinlich der schönste Tag den ich je
erlebt habe - 25 Grad - keine Wolke - eine leichte Brise - 0
Luftdruck - 0 Luftfeuchtigkeit - wenn doch nur jeder Tag so wäre...
Ich komme gerade vom Waschsalon zurück. Mein Waschsalon liegt direkt
neben einer riesigen Kirche. Irgendetwas war gerade zu Ende (verzeiht
mein Unwissen), jedenfalls kamen mir Menschenmassen entgegen und ich
musste mich mit einem vollen Wäschesack beinahe Schlangenhaft durch
polnisch-amerikanische Großfamilien schieben. Bei dem ganzen polnisch
um mich herum, lässt mich Greenpoint manchmal doch ein wenig wehmütig
werden, nicht enger mit meiner viertel polnischen Herkunft in
Verbindung zu stehen.
Die Waschsalons werden ausschließlich von asiatisch-amerikanischen
Familien betrieben, wobei mexikanisch-amerikanische Frauen noch als
Zusammenlege- oder Putzkraft involviert werden. Es gibt die so
genannten Laundromats an jeder Ecke und ich habe keine Ahnung wie man
auswählt. Ich laufe 2 Blocks, weil mein temporärer Mitbewohner Koen
mir seinen empfohlen hat.
Statt 2 Stunden dort rumzusitzen, gönne ich mir den "drop of" Luxus,
d.h. ich lasse waschen und trocknen und zusammenlegen. Das kostet
mich ein wenig mehr, gibt mir aber ein gutes Gefühl, weil ich die
Zeit mit Tagebuch schreiben verbringen kann und ganz nebenbei noch
amerikanische Arbeitsplätze sichere.
Es ist das Memorialday Wochenende, d.h. Montag ist frei - ein
verlängertes Wochenende, was bei so ziemlich allen Amerikanern für
ein Stimmungshoch sorgt. Überall komme ich zufällig mit Menschen ins
Gespräch, in der U-Bahn wird weniger gerempelt, der grummelige
Cornershop / Deli Betreiber grüßt freundlich, alle lachen, grillen
und entspannen.
Gestern hatte ich meinen längsten Tag in New York. Zuerst bin ich
hoch nach Astoria, Queens um die Triboro Bridge zu filmen und mir
eine neue Gegend anzuschauen. Astoria war mal hauptsächlich
griechisch, wird aber zunehmend internationaler. Es kommen Ägypter,
Türken, Libanesen und Marokkaner, was Astoria wohl bald zu einem sehr
beliebten Restaurantviertel machen wird. Ansonsten ist es dort ein
wenig als hätte man New York verlassen. Die Stimmung ist viel
entspannter, arm und reich leben unbeeindruckt und friedlich neben
einander, es gibt kleine Gärten, vereinzelt Kunst und große leere
Parks. Vorbei am Noguchi Museum, dem Socrates Skulpturengarten und
weiteren kleinen Highlights bin ich dann über eine uralte Brücke
rüber nach Roosevelt Island, um von dort aus mit einer Seilbahn nach
Manhattan zu fliegen.
Roosevelt Island ist ungelogen der seltsamste Ort in ganz New York -
ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich das gesehene je verarbeiten
kann. Es ist wie eine kleine auf 3 km x 250 m gebaute autonome Stadt
innerhalb dieser Monsterstadt New York. Neubauklötze aus den 70ern
und eine am Reißbrett entworfene Infrastruktur. Eine Kirche, eine
kleine Straße mit einem Bus der immer hin und her fährt, einem Park,
einem großen Supermarkt, einer Galerie für Kunst von Kindern und
einem großen Parkhaus für alle Einwohner. Ursprünglich als
Pilotprojekt für ein harmonisches Zusammenleben von Arm und Reich
gedacht, sind die Wohlhabenderen bald abgewandert und haben eine
gespenstisch, isolierte Stadt für Arme, Alte, Kriegsveteranen und
Freaks zurückgelassen. Still und friedlich ist es dort, nur wie in
allen Neubauvierteln auch irgendwie utopisch, einsam und ein wenig
wie in einer Tati Filmkulisse. Links und rechts auf dem Gehsteig
liegen bei gutem Wetter Veteranen ohne Beine auf Krankenbetten und
rauchen und unterhalten sich mit Lungenkrebspatienten in Rollstühlen.
Ein bizarres Bild - beängstigent und doch völlig harmlos.
Historisch gesehen war Roosevelt Island schon immer ein Ort für die
Ausgestossenen und Ungewollten. Irgendwann gab es wohl mal eine Art
Pest und alle Kranken wurden dorthin abgschoben, später im 19.
Jahrhundert gab es auf der Insel verschiedene Gefängnisse und
Irrenanstalten.
Am südliche Zipfel von Roosevelt Island steht einer der Trägermasten
der gigantischen 59st / Queensboro Bridge, sowie neuerdings ein paar
Neubauten mit Luxuswohnungen - ein zweiter Versuch und diesmal ziehen
auch Starbucks und Duane Reade mit. Ansonsten gibt es nur eine extrem
alte Fußgänger / Autobrücke am nördlichen Ende, die tiefste U-
Bahnstation New Yorks und die bei Touristen und Einheimischen sehr
beliebte Seilbahn - Gondola aus dem Jahre 1976, die auch manchmal für
ein paar Stunden hängen bleibt... Ich bin trotzdem gleich dreimal
gefahren. Die Bahn kostet nur soviel wie ein U-Bahnticket und weil
ich eine Monatskarte habe, musste ich darüber sowieso nicht nachdenken.
Als ich dann endlich in Manhattan den Seilbahnbahnhof verlassen habe,
bin ich noch unter der Queensboro Bridge ein wenig entlang gewandelt,
habe in einem Designerladen ein Metalltier gekauft und bin
schliesslich zurück nach Greenpoint bei Eat Records ein Salat essen
und gleichzeitig Platten hören.
Abends zog es mich dann zu einem Konzert nach Ridgewood in Queens.
Der Laden heißt Silent Barn und ist eigentlich eine Wohngemeinschaft
die einmal die Woche in ihrem Wohnzimmer und Keller Konzerte
veranstaltet. Nichts anderes als der Plastik Club in Bremen nur ein
wenig kleiner und viel herunter gekommener mit Graffiti an den Wänden
und eingetretenen Türen. Es gab 7 Konzerte immer abwechselnd im
Keller und im Wohnzimmer, wobei eine der Bands die Skaters aus San
Franzisko waren. Die Skaters sind alte Bekannte aus Berlin, echte
Globetrotter die momentan in New York, um genau zu sein in der Silent
Barn wohnen. Es war nett mit ihnen zu quatschen und ihrer Musik zu
lauschen, obwohl nach 4 Acts die Aufmerksamkeit des Publikums schon
ziemlich abgebaut hatte. Der Hauptact des Abends war die 6 Köpfige
Band Kemialliset Ystävät aus Finnland, die leider, aufgrund nicht
mehr vorhandener Aufmerksamkeit des Publikums, nur ein sehr kurzes
Set spielten.
Völlig erschöpft und mit Blasen an den Füßen bin ich dann nach Hause,
um zu schlafen, was gar nicht so leicht war, weil die vielen
Eindrücke sich so schwer verarbeiten lassen.
Jetzt geht es raus die Wäsche einsammeln und dann grillen auf dem
Dach bei Bess mit Blick auf die Skyline von Manhattan.
Auf meiner Videoseite gibt es neue Ausschnitte: http://vimeo.com/
stephaneleonard/videos







0 Comments:
Post a Comment
<< Home