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Sunday, May 25, 2008

    New York 2008 (14)

    Der Himmel ist ein hellblauer Ozean.
    Dies ist Wettermäßig wahrscheinlich der schönste Tag den ich je
    erlebt habe - 25 Grad - keine Wolke - eine leichte Brise - 0
    Luftdruck - 0 Luftfeuchtigkeit - wenn doch nur jeder Tag so wäre...
    Ich komme gerade vom Waschsalon zurück. Mein Waschsalon liegt direkt
    neben einer riesigen Kirche. Irgendetwas war gerade zu Ende (verzeiht
    mein Unwissen), jedenfalls kamen mir Menschenmassen entgegen und ich
    musste mich mit einem vollen Wäschesack beinahe Schlangenhaft durch
    polnisch-amerikanische Großfamilien schieben. Bei dem ganzen polnisch
    um mich herum, lässt mich Greenpoint manchmal doch ein wenig wehmütig
    werden, nicht enger mit meiner viertel polnischen Herkunft in
    Verbindung zu stehen.
    Die Waschsalons werden ausschließlich von asiatisch-amerikanischen
    Familien betrieben, wobei mexikanisch-amerikanische Frauen noch als
    Zusammenlege- oder Putzkraft involviert werden. Es gibt die so
    genannten Laundromats an jeder Ecke und ich habe keine Ahnung wie man
    auswählt. Ich laufe 2 Blocks, weil mein temporärer Mitbewohner Koen
    mir seinen empfohlen hat.
    Statt 2 Stunden dort rumzusitzen, gönne ich mir den "drop of" Luxus,
    d.h. ich lasse waschen und trocknen und zusammenlegen. Das kostet
    mich ein wenig mehr, gibt mir aber ein gutes Gefühl, weil ich die
    Zeit mit Tagebuch schreiben verbringen kann und ganz nebenbei noch
    amerikanische Arbeitsplätze sichere.
    Es ist das Memorialday Wochenende, d.h. Montag ist frei - ein
    verlängertes Wochenende, was bei so ziemlich allen Amerikanern für
    ein Stimmungshoch sorgt. Überall komme ich zufällig mit Menschen ins
    Gespräch, in der U-Bahn wird weniger gerempelt, der grummelige
    Cornershop / Deli Betreiber grüßt freundlich, alle lachen, grillen
    und entspannen.

    Gestern hatte ich meinen längsten Tag in New York. Zuerst bin ich
    hoch nach Astoria, Queens um die Triboro Bridge zu filmen und mir
    eine neue Gegend anzuschauen. Astoria war mal hauptsächlich
    griechisch, wird aber zunehmend internationaler. Es kommen Ägypter,
    Türken, Libanesen und Marokkaner, was Astoria wohl bald zu einem sehr
    beliebten Restaurantviertel machen wird. Ansonsten ist es dort ein
    wenig als hätte man New York verlassen. Die Stimmung ist viel
    entspannter, arm und reich leben unbeeindruckt und friedlich neben
    einander, es gibt kleine Gärten, vereinzelt Kunst und große leere
    Parks. Vorbei am Noguchi Museum, dem Socrates Skulpturengarten und
    weiteren kleinen Highlights bin ich dann über eine uralte Brücke
    rüber nach Roosevelt Island, um von dort aus mit einer Seilbahn nach
    Manhattan zu fliegen.
    Roosevelt Island ist ungelogen der seltsamste Ort in ganz New York -
    ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich das gesehene je verarbeiten
    kann. Es ist wie eine kleine auf 3 km x 250 m gebaute autonome Stadt
    innerhalb dieser Monsterstadt New York. Neubauklötze aus den 70ern
    und eine am Reißbrett entworfene Infrastruktur. Eine Kirche, eine
    kleine Straße mit einem Bus der immer hin und her fährt, einem Park,
    einem großen Supermarkt, einer Galerie für Kunst von Kindern und
    einem großen Parkhaus für alle Einwohner. Ursprünglich als
    Pilotprojekt für ein harmonisches Zusammenleben von Arm und Reich
    gedacht, sind die Wohlhabenderen bald abgewandert und haben eine
    gespenstisch, isolierte Stadt für Arme, Alte, Kriegsveteranen und
    Freaks zurückgelassen. Still und friedlich ist es dort, nur wie in
    allen Neubauvierteln auch irgendwie utopisch, einsam und ein wenig
    wie in einer Tati Filmkulisse. Links und rechts auf dem Gehsteig
    liegen bei gutem Wetter Veteranen ohne Beine auf Krankenbetten und
    rauchen und unterhalten sich mit Lungenkrebspatienten in Rollstühlen.
    Ein bizarres Bild - beängstigent und doch völlig harmlos.
    Historisch gesehen war Roosevelt Island schon immer ein Ort für die
    Ausgestossenen und Ungewollten. Irgendwann gab es wohl mal eine Art
    Pest und alle Kranken wurden dorthin abgschoben, später im 19.
    Jahrhundert gab es auf der Insel verschiedene Gefängnisse und
    Irrenanstalten.
    Am südliche Zipfel von Roosevelt Island steht einer der Trägermasten
    der gigantischen 59st / Queensboro Bridge, sowie neuerdings ein paar
    Neubauten mit Luxuswohnungen - ein zweiter Versuch und diesmal ziehen
    auch Starbucks und Duane Reade mit. Ansonsten gibt es nur eine extrem
    alte Fußgänger / Autobrücke am nördlichen Ende, die tiefste U-
    Bahnstation New Yorks und die bei Touristen und Einheimischen sehr
    beliebte Seilbahn - Gondola aus dem Jahre 1976, die auch manchmal für
    ein paar Stunden hängen bleibt... Ich bin trotzdem gleich dreimal
    gefahren. Die Bahn kostet nur soviel wie ein U-Bahnticket und weil
    ich eine Monatskarte habe, musste ich darüber sowieso nicht nachdenken.
    Als ich dann endlich in Manhattan den Seilbahnbahnhof verlassen habe,
    bin ich noch unter der Queensboro Bridge ein wenig entlang gewandelt,
    habe in einem Designerladen ein Metalltier gekauft und bin
    schliesslich zurück nach Greenpoint bei Eat Records ein Salat essen
    und gleichzeitig Platten hören.
    Abends zog es mich dann zu einem Konzert nach Ridgewood in Queens.
    Der Laden heißt Silent Barn und ist eigentlich eine Wohngemeinschaft
    die einmal die Woche in ihrem Wohnzimmer und Keller Konzerte
    veranstaltet. Nichts anderes als der Plastik Club in Bremen nur ein
    wenig kleiner und viel herunter gekommener mit Graffiti an den Wänden
    und eingetretenen Türen. Es gab 7 Konzerte immer abwechselnd im
    Keller und im Wohnzimmer, wobei eine der Bands die Skaters aus San
    Franzisko waren. Die Skaters sind alte Bekannte aus Berlin, echte
    Globetrotter die momentan in New York, um genau zu sein in der Silent
    Barn wohnen. Es war nett mit ihnen zu quatschen und ihrer Musik zu
    lauschen, obwohl nach 4 Acts die Aufmerksamkeit des Publikums schon
    ziemlich abgebaut hatte. Der Hauptact des Abends war die 6 Köpfige
    Band Kemialliset Ystävät aus Finnland, die leider, aufgrund nicht
    mehr vorhandener Aufmerksamkeit des Publikums, nur ein sehr kurzes
    Set spielten.
    Völlig erschöpft und mit Blasen an den Füßen bin ich dann nach Hause,
    um zu schlafen, was gar nicht so leicht war, weil die vielen
    Eindrücke sich so schwer verarbeiten lassen.
    Jetzt geht es raus die Wäsche einsammeln und dann grillen auf dem
    Dach bei Bess mit Blick auf die Skyline von Manhattan.

    Auf meiner Videoseite gibt es neue Ausschnitte: http://vimeo.com/

    stephaneleonard/videos

    posted by Stephane Leonard at 9:52 PM

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